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Donnerstag, 01 Juni 2017 20:42

Juni 2017

geschrieben von
Na? War Euer Bockansitz erfolgreich?
Und? Hattet Ihr das Gefühl, das „Waidmannsheil“ Eurer Jagdkameraden war ehrlich gemeint ob der Stärke der Trophäe, die der eine oder andere Bock hatte? Oder ist es sogar so, dass Ihr selbst noch nicht zum Jagderfolg gekommen seid, Euer Reviernachbar aber genau den braven Bock, dem Ihr hinterher gegangen seid, gestreckt hat? Freut Ihr Euch aufrichtig mit ihm oder ärgert Ihr Euch, dass ihm Diana hold war?

Nun, ich denke, Ihr ahnt, welches Thema ich dieses Mal ansprechen will: den Jagdneid. Ooooh, ich kann das Kopfschütteln vor mir sehen. Und den einen oder anderen sagen hören, „Jagdneid? Kenn ich nicht. Gibts nicht“. Und ich sage,  „klar gibt es das“. Ich kann Euch auch einige Beispiele nennen, die ich selbst miterlebt habe. Teilweise Beispiele, die mir das Fell sträuben lassen. Ich hebe die Pfote zum Schwur, dass ich mir das nicht ausgedacht habe, wovon ich nachfolgend berichte.

Da gibt es einen Jagdpächter, der über einen sehr guten finanziellen Hintergrund verfügt und ein sehr großspuriges Auftreten hat. Natürlich hat er ein Rotwildrevier gepachtet. Was sonst. Die Kanzeln werden alle fertig gekauft. Geld spielt ja keine Rolle. Er beschäftigt einen Angstellten, der ihm sämtliche Revierarbeiten verrichtet. Nur eins hat der Pächter nicht: Jagdverstand. Und als Schütze ist er eher lausig. Führt er eine Drückjagd durch, verläuft diese chaotisch. Bei einer dieser berühmten Drückjagden lagen Sauen im Schilf. Hundeführer waren eingeladen. Das Blöde: Er kam ohne Hunde. Also gehen einige Schützen als Treiber. Dann steht eine Sau frei. Glotzt die Schützen an. Die Schützen glotzen zurück. Ja, was ist denn jetzt? Erlegen? Oder doch nicht? Sau steht immer noch am selben Fleck. Wahrscheinlich ahnt sie da schon, dass ihr nichts passieren wird. Beherzt geht dann doch ein Schütze in Anschlag. Da ertönt der Ruf des Pächters: „Sau schonen“. Könnten ja Frischlinge irgendwo sein. Hm. Ok. Es waren aber weit und breit keine Frischlinge zu sehen. Frustration macht sich bei den Schützen breit. Die restlichen Details dieser Jagd spare ich mir zu beschreiben. Nur eins noch: Es macht keinen Sinn, Dornenhecken durchdrücken zu wollen, wenn man dazu keine Hunde hat. Und selbstverständlich blieb am Ende der Jagd der Streckenplatz leer.

Diese Koryphäe von Jagdpächter hat nun jemandem die Erlaubnis erteilt, in seinem Revier mitjagen zu dürfen. Und es kam der Tag, an dem der junge Jäger einen Bock vor hatte. Dieser war ihm schon vorher aufgefallen, da er immer über eine Bundesstraße wechselte. Die Gelegenheit war günstig, ihn zu erlegen, bevor ein Auto Hackfleisch aus ihm machen würde. Da sich der junge Jäger unsicher war, ob er ihn erlegen dürfe – handelte es sich doch um einen gut entwickelten mindestens zweijährigen Bock, zückte er sein Handy, um Rücksprache mit seinem Jagdherrn zu halten. Er gab ihm alle Details durch und erhielt die klare Ansage: Schuss. Frohgemut wandte er sich wieder dem Bock zu. Dieser hatte sich aber zwischenzeitlich durchs Feldgehölz von dannen gemacht. Der Jäger samt Hund, den er mitführte, hinterher. Immer wieder bekam er ihn ins Glas, den Bock. Und doch war keine Gelegenheit gegeben, ihm einen Schuss anzutragen. Dann war er weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Enttäuscht wollte der Verfolger den Rückzug antreten. Plötzlich nahm sein Hund den Kopf hoch und deutete in eine bestimmte Richtung. Der Blick des Jägersmannes folgte der Nase seines Hundes. Und tatsächlich, da war der Bock. Freies Schussfeld. Blöderweise lag der Pirschstock im Auto. Gut, dann musste es auch so gehen. Hund ins Down, Gewehr in Anschlag – Schuss – Bock macht einen Satz in den Graben und liegt. Erleichtert wird das Handy aus der Hosentasche geholt und der Jagdherr informiert. Dieser kommt dann auch sehr schnell mit seinem großen Geländewagen angebraust. Bock aufgeladen und ins wenige Minuten entfernte Zuhause mit professionell ausgestatteter Wurstküche verbracht. Beim Aufbrechen des Bocks wird der glückliche Erleger von ihm zum Hergang befragt. Wie weit denn die Distanz gewesen wäre. „Circa 100 m waren es“. Noch voller Adrenalin und Glückshormonen plappert dieser fröhlich darauf los, jedes Detail des Anpirschens genau beschreibend. Leider bemerkt er dabei nicht, wie sein Jagdherr immer einsilbiger wird. Dass es besser gewesen wäre, seinen Mund zu halten, dämmert ihm, als plötzlich harsche Kritik laut wird. Der Treffer wäre nicht optimal gewesen. Er müsse drei Zentimeter Fleisch vom Blatt abschärfen, da hier Hämatome wären. Das wäre ein finanzieller Verlust. Aha. Nun gut. Dass der Bock fast auf der Stelle lag, spielte keine Rolle. Natürlich kam noch die Sprache auf die Trophäe. Er wäre gut veranlagt gewesen. Schade um ihn. Man hätte ihn doch schonen sollen. Bei allem, was von ihm hervorgebracht wurde, schwang ein Anflug von Neid mit. Dass es sich um einen sogenannten „Mörderbock“ mit Spießen, die jedem Konkurrenten den Garaus gemacht hätten, handelte, wurde geflissentlich übergangen. Und hatte nicht der Jagdherr selbst gesagt, er solle erlegt werden? Etwas verwirrt machte sich der junge Jäger, nachdem vereinbart war, dass er den Bock übernehmen würde, auf den Heimweg. Einige Tage später wurde er aus dem Revier komplimentiert. Hatte ich schon erwähnt, dass der Pächter ein lausiger Schütze ist?

Dann gibt es noch den Pächter, in dessen Revier sich Ricken in erschreckend hoher Anzahl tummeln. Der Grund ist ganz einfach. Er erlegt nur Böcke. Je stärker die Trophäe, umso schneller wird der Finger krumm gemacht. Vor allem an der Reviergrenze. Vor lauter Angst, dass „sein“ Bock ins Nachbarrevier wechselt. Nicht auszudenken, dass der Revierpächter nebenan ihn erlegt. Geht ja gar nicht. Dieser Pächter hat die Jagd irgendwie auch nicht wirklich verstanden. Schlimm, dass er sich auch noch mit seinen Jagderfolgen brüstet. Und in Ermangelung von Abnehmern des Wildfleisches kommt es immer wieder vor, dass das Wild zu lange bei ihm herum hängt und dann den Sauen auf den Luderplatz geworfen wird. Und so einer nennt sich Waidmann.

Ein weiterer Pächter treibt anderweitig sein Unwesen. Er verstänkert die Bereiche vor den Kanzeln seines Reviernachbarn. Und die Reviergrenze. Damit „sein“ Wild in seinem Revier bleibt. Dass er während seiner Ausbildung zum Jäger einmal gelernt hatte, dass Wild herrenlos ist, hat er vergessen. Oder verdrängt.

Der Jagdneid treibt vielerorts schon seltsame Blüten. Gut, dass es auch anders geht und es viele Waidgenossinnen und Waidgenossen gibt, die ein gutes, kameradschaftliches Miteinander pflegen. Und sich noch aufrichtig freuen können, wenn dem Gegenüber das Jagdglück gelacht hat. Die revierübergreifende Jagden veranstalten, um der hohen Population der Schwarzkittel entgegen zu wirken. Die in den Revieren Maßnahmen ergreifen, um der Population des Niederwilds wieder auf die Beine zu helfen. Jagd bedeutet nämlich nicht, sich die schönste und größte Trophäe an die Wand hängen zu können und damit zu prahlen. Als Jäger hat man sich der Hege und Pflege des Wildes verschrieben. Dazu gehört so viel mehr als das Erlegen von Wild. Leider haben das manche vergessen.

Euer Schnösel
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Andrea Dehmer

Andrea Dehmer schlug den zur damaligen Zeit für Frauen typischen Berufsweg in Büro und Verwaltung ein. Ein Tätigkeitsschwerpunkt war dabei immer das Verfassen von Artikeln für die Presse und formulieren und halten von Vorträgen. 2007 zog der erste Jagdhund bei ihr ein und sie kam über den Hund zur Jagd. Im Jahr 2010 bestand sie die Jägerprüfung und löste den ersten Jagdschein. Sie jagt in einem Niederwildrevier und führt 4 Deutsch-Kurzhaar, die von ihrer ersten Hündin abstammen.

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