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Sonntag, 30 April 2017 09:18

Der Bock ist aufgegangen

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Vielerorts ist es in den Revieren üblich, einen gemeinschaftlichen Bockansitz zu machen und hinterher zusammen an der Jagdhütte zu frühstücken. So auch bei uns.


Getroffen haben wir uns um halb vier Uhr in der Früh. Für mein Frauchen eine unheilige Zeit. Dementsprechend zerknautscht und verstrubbelt hat sie auch ausgesehen, als wir uns am vereinbarten Treffpunkt einfanden. Ich geb zu, ich hatte anfangs auch keine Lust aufzustehen. Hatte ich doch gerade so einen tollen Traum, in dem ich fröhlich einem Hasen hinterhersetzte. Aber als ich dann das Geräusch der sich öffnenden Tür des Waffenschrankes vernahm, war ich ruckzuck hellwach. Noch bevor Frauchen den Autoschlüssel vom Haken nehmen konnte, hab ich schon wartend an der Haustür gesessen. Nur vorsichtshalber. Nicht, dass sie vergisst, mich mitzunehmen.
Nach zwanzigminütiger Fahrt sind wir im Revier. Die anderen warten schon auf uns. Ein Blick in ihre Gesichter und ich stelle fest, dass auch sie nicht gerade frisch aussehen. Egal. Die Stimmung ist gut. Freudig. Ein bisschen angespannt. Ob Diana einem von ihnen hold ist? Bald werden wir es wissen.
Die Truppe verteilt sich auf die Hochsitze. Wir haben uns einen nicht so hohen Sitz ausgesucht. Damit ich mit rauf kann. Ich mache es mir auf der für mich mitgebrachten Decke gemütlich. Frauchen lädt und sichert ihre Waffe. Und dann heißt es warten...
Langsam wird es Tag und wir kommen in den Genuss eines wunderschönen Vogelkonzertes. Ich staune immer wieder, welche Sangeskünstler es unter den einheimischen Vögeln gibt. Ein Fuchs schnürt über die feuchte Wiese. Wir beobachten, wie er mäuselt. Ein eleganter Sprung, dann hat er die Maus. Ich muss unwillkürlich an meine Hundefreundin Tiggi denken. Eine abenteuerliche Mischung aus verschiedenen Rassen. Sie hat nicht nur farblich und von ihrer Statur her Ähnlichkeit mit einem Fuchs - ihre liebste Beschäftigung ist Mäuse fangen. Dabei springt sie in die Höhe wie ein Fuchs.
Meister Reinecke ist jetzt verschwunden. Dafür tauchen vier Hasen auf, die im Zickzack über die Wiese vor uns hoppeln. Angespannt beobachte ich sie. Hach, wie gerne würde ich jetzt ihre Verfolgung aufnehmen. Ich weiß, dass ich das nicht darf. Aber ein bisschen träumen muss auch mal erlaubt sein.
Und dann bekomme ich einen Geruch in die Nase, den ich sehr gut kenne. Ich nehme jetzt meinen Kopf ganz hoch und zeige in die Richtung, aus der die Witterung kommt. Rehwild. Eine Ricke und ein Schmalreh treten heraus. Die Ricke hat noch nicht gesetzt. Aber nach ihrem Bauchumfang zu urteilen kann es nicht mehr lange dauern. Die beiden äsen in aller Ruhe wenige Meter vor unserem Sitz. Sie zupfen hier ein paar Gräser, dort einige Kräuter. Ein friedliches Bild. Langsam ziehen sie weg von uns Richtung Wald.
Es raschelt leise. Ich stelle meine Schlappohren. Nase hoch und die Witterung inhalieren. Ja, eindeutig erneut Rehwild. Frauchen nimmt das Fernglas hoch. Zwei Jährlingsböcke ziehen auf die Fläche vor uns und beginnen zu äsen. Noch sind sie zu weit weg. Ich bin angespannt wie ein Flitzebogen und klappere leise mit den Zähnen. Das tue ich immer, wenn ich unter Vollspannung stehe. "Pssst", versucht mein Frauchen mich streichelnd zu beruhigen. Langsam, ganz langsam bewegen sie die beiden auf uns zu. Oooooh, ist das aufregend. Ich schau in das Gesicht meiner Jägerin und sehe, dass sich auch bei ihr eine gewisse Anspannung breit gemacht hat. Erneut nimmt sie das Fernglas hoch. "Der linke ist ein Knopfbock", flüstert sie mir zu. "Der passt". Sie greift ihre Büchse und geht in den Anschlag. Noch steht er spitz. "Ruhig, ganz ruhig bleiben", denk ich bei mir. Minuten, die mir wie Stunden vorkommen, vergehen. Langsam dreht sich der Bock in die gewünschte Richtung. "Warum schießt sie denn jetzt nicht?" Verwundert schaue ich zu ihr. Sie schüttelt den Kopf. "Noch nicht..." Sie visiert ihn an. Jetzt steht er breit. Plötzlich zieht sie ab. Ein Knall. Ich sehe beide Böcke abspringen. Hat sie etwa gefehlt? Ungläubig  schaue ich sie an. Und bin ein bisschen enttäuscht.
Mein Frauchen sichert in aller Ruhe ihre Waffe. Dann öffnet sie die Tür und bedeutet mir, mitzukommen. Ich bekomme die Schweißhalsung angelegt. Wir kommen zum Anschuss, den ich ausgiebig bewinde.  "Such verwund, Schnösel", sagt sie zu mir. "Alles klar, mach ich", und nehme die Fährte auf. Nach kurzer Zeit stehen wir am Stück. Ich drehe mich zu Frauchen um und sehe ein Lächeln in ihrem Gesicht. "Schnösel, das hast Du gut gemacht", lobt sie mich ausgiebig. Ich freue mich mit ihr und bin ganz stolz. Dann lege ich mich neben das erlegte Stück und wache darüber, während sie geht, um ein Ästchen für den letzten Bissen zu holen. Wir verharren noch einige Minuten andächtig und ehrfuchtsvoll. Bei aller Freude über ihren Jagderfolg macht es sie immer traurig, einem Geschöpf das Leben genommen zu haben. Ich sehe es ihr an und halte stille Zwiesprache mit ihr: "Töten gehört nun mal dazu, wenn man Fleisch essen will. Das war schon immer so", versuche ich ihr zu sagen. "Wichtig dabei ist, nie den Respekt vor der Kreatur zu verlieren und nie zu töten rein um des Tötens willen." "Ich weiß, Schnösel, ich weiß", sagt sie und streicht mir über den Kopf.
In einiger Entfernung fällt ein Schuss. Kurz darauf erhalten wir die Mitteilung, dass unser Jungjäger ebenfalls Jagdglück hatte. Er hat im wahrsten Sinne des Wortes einen Bock geschossen - sein erstes Stück Wild nach Erlangen des Jagdscheins. Wir freuen uns alle riesig mit ihm. Nachdem das erlegte Wild ordnungsgemäß versorgt wurde, treffen wir uns an unserer Jagdhütte zum gemeinsamen Frühstück. Und feiern dabei den Jagderfolg ein bisschen. Was mir dabei besonders gut gefällt ist, das gute Miteinander. Und dass es keinen Jagdneid untereinander gibt. Die, die keinen Erfolg hatten, freuen sich mit den glücklichen Erlegern. So sollte es überall sein. Ist es aber nicht. Leider. Mehr dazu ein anderes Mal.
Für jetzt wünsche ich Euch guten Anblick und Waidmannsheil
Euer Schnösel

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Andrea Dehmer

Andrea Dehmer schlug den zur damaligen Zeit für Frauen typischen Berufsweg in Büro und Verwaltung ein. Ein Tätigkeitsschwerpunkt war dabei immer das Verfassen von Artikeln für die Presse und formulieren und halten von Vorträgen. 2007 zog der erste Jagdhund bei ihr ein und sie kam über den Hund zur Jagd. Im Jahr 2010 bestand sie die Jägerprüfung und löste den ersten Jagdschein. Sie jagt in einem Niederwildrevier und führt 4 Deutsch-Kurzhaar, die von ihrer ersten Hündin abstammen.

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