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Freitag, 19 August 2016 09:08

Wenn die Bänder schwächeln

geschrieben von Katrin Vosswinkel
Bei Gelenkproblemen können Bandagen helfen Bei Gelenkproblemen können Bandagen helfen

Es muss nicht immer gleich ein Bänderriss sein, und nicht nur ältere oder kranke Vierbeiner sind betroffen: Auch viele junge und sportliche Tiere leiden an einer Bindegewebs- und Bänderschwäche.

Hier sind zumeist das Handgelenk (Vorderfußwurzelgelenk/Carpalgelenk) und auch das Sprunggelenk des Hundes betroffen. Umgangssprachlich wird diese, durch schwache Bänder hervorgerufene Überbeweglichkeit, als Durchtrittigkeit bezeichnet.
Das hündische Skelett besteht aus Knochen, Gelenken und Bändern. Diese bilden das Gerüst, welches von den Motoren, den Muskeln und Sehnen, angetrieben wird. Die Gelenkbänder (Ligamentum) sind bindegewebige Strukturen zur Verstärkung der Gelenkkapsel. Sie haben die Aufgabe, die gelenkbildenden Knochen miteinander zu verbinden und sie in der Bewegung zu führen. Aber nicht nur die Bänder führen die Bewegung, sondern die Beweglichkeit des Gelenkes ist auch abhängig von der Form der Gelenkfläche sowie von der entsprechenden Muskeleinwirkung. Normalerweise liegen Gelenkbänder außerhalb der Gelenkkapsel. Allerdings können sie auch innerhalb der Kapsel sein, wie beispielsweise die Kreuzbänder im Kniegelenk.
Bandstrukturen sind nicht kontraktil. Anders als ein Muskel, können sie sich nicht zusammenziehen respektive locker lassen. Für eine achsengerechte Bewegung sind die Führungsbänder zuständig, für das normale Bewegungsende sind Brems- oder Hemmungsbänder verantwortlich.
Das Handgelenk (Carpalgelenk) des Hundes ist am häufigsten von der Durchtrittigkeit (Hypermobilität) betroffen. Oftmals zeigen diese Hunde auch eine starke Spreizung der Zehen, sehen plattfüßig aus.
Die normale Stellung des Handgelenkes ist die Streckung in der Null-Grad-Position. In der Bewegung geht der Hund auch in eine Beugestellung (Flexion). Bei einer Überbeweglichkeit steht das Tier dann allerdings in einer überstreckten Stellung (Hyperextension). Dies ist häufig bei jüngeren Tieren in der Wachstumsphase zu beobachten: Zum einen können die riesenwüchsigen Rassen, wie Leonberger und Molosser betroffen sein. Nicht selten ist dies aber auch bei mittelgroßen bis großen Rassen wie dem Golden und dem Labrador Retriever sowie dem Deutschen Schäferhund zu beobachten. Bei vielen Hunden verwächst sich diese Überstreckung, und nach Abschluss des Wachstums befinden sich die Handgelenke wieder in der Normal-Null-Streckposition.
Tipp:
Wenn der Hund im jungen Alter eine Überbeweglichkeit entwickelt, sollte der Halter darauf achten, dass der Hund optimal versorgt wird. Die Futterzusammensetzung muss auf Alter und Wachstum abgestimmt sein, das Gewicht im Verhältnis zur Größe stimmen. Die jungen Vierbeiner sollten auf eher hartem Untergrund laufen, da durch weichen und nachgiebigen Boden zusätzliche Kräfte wirken, die die Überbeweglichkeit forcieren können. Überlegenswert wäre hier der Einsatz einer unterstützenden Bandage, auf die noch näher eingegangen wird. Der Hundehalter sollte seinen jungen Hund altersentsprechend fordern, aber belastende Bewegungen vermeiden. Sprünge und abrupte Stopps bei Spiel, Sport oder der Jagd sollten erst nach Abschluss des Wachstums erfolgen.

Im Sport- und Jagdhundebereich ist diese Thematik sehr aktuell. Viele Hunde zeigen eine Überbeweglichkeit im Handgelenk. Wird diese Problematik von dem Hundehalter ignoriert, kann sie durch zu intensives Training verstärkt werden und dem Hund mit steigendem Lebensalter massive Beschwerden bereiten.
Im Alter baut sich die Muskulatur ab, und eine Schwäche des Bindegewebes, zusammen mit einer bereits vorhandenen Hypermobilität, verstärkt die Symptomatik. Bandveränderungen, gerade im Bereich bereits überbeweglicher Gelenke, können zu einer Abweichung der Achse führen. Die Folge davon ist eine weitere Überbelastung der Bandstrukturen durch nun anders herrschende Zug- und Druckbelastungen.
Der Sport- und Jagdhund muss sanft an das Training herangeführt werden. Zudem sollte immer auch ein Ausgleichtraining stattfinden. Dieses Ausgleichtraining darf nicht noch mehr negative Kräfte auf die Gelenke bringen. Sprungübungen, übermäßiges Bergablaufen und Training auf weichem, tiefem Boden sollten vermieden werden. Ein sanftes Muskelaufbau- und Konditionstraining ist indiziert, etwa ein Schwimm- oder Ausdauertraining. Wichtig in allen Trainingseinheiten, sowohl im Hundesport- und Jagdbereich als auch im Ausgleichtraining, sind Auf- und Abwärmphasen. Das Aufwärmtraining erhöht die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit und mindert das Verletzungsrisiko. Es beinhaltet überwiegend aktive Bewegungsübungen, die physisch und psychisch auf die Leistung vorbereiten. Es können zudem leichte Dehnübungen mit eingebaut werden. Ein guter Trainingseinstieg ist stets von langsam ansteigender Intensität gekennzeichnet. Nach der körperlichen Belastung sollte sich der Hund erst für etwa 10 Minuten locker auslaufen. Im Anschluss können Dehnübungen und eine lockernde Massage folgen.

Schutz, Prophylaxe und Hilfe
Tennisspieler tragen Handgelenksbandagen und Basketballer knöchelhohe Schuhe zum Schutz der Bänder. Warum also sollte nicht auch der Leistungssportler Hund optimal geschützt werden? Mittlerweile gibt es hierfür zahlreiche Hilfsmittel, deren Effizienz nachgewiesen ist. Bandagen etwa senken das Verletzungsrisiko und schützen vor Überbelastungen bei Sprüngen und hohen Geschwindigkeiten, etwa bei der Jagd, beim Agility oder bei Hunderennen. Sie werden vorbeugend zum Halt der Gelenke der Vorderläufe eingesetzt. Qualitätsbandagen
schützen die Bänder und Gelenke und steigern das Sicherheitsgefühl sowie die Leistungsbereitschaft des Vierbeiners. Für einen stärkeren Halt kann eine Bänder-Sehnen-Bandage eingesetzt werden. Diese ist vergleichbar mit der Handgelenksbandage bei Tennisspielern. Auch nach Verletzungen kann diese elastische Sicherung von außen den Heilungsprozess fördern und unterstützen. Die meisten Hunde akzeptieren von Anfang an das Bewegen mit einer Bandage.
Wichtig
Bandagen sollten grundsätzlich im Training getragen werden – prophylaktisch und bei Hunden mit einer Disposition zur Durchtrittigkeit. Allerdings muss der Halter darauf achten, dass der Hund auch im Training zwischendurch „nackt“ läuft. Dadurch entstehen keine Irritationen, wenn plötzlich im Wettkampf oder bei jagdlichen Prüfungen die Bandage fehlt.

Bisher wurde wurde vorrangig auf die Hypermobilität des Handgelenkes eingegangen.
Allerdings gibt es auch Überbeweglichkeiten im Sprunggelenk und im Schultergelenk. Da hier die Krankheitsausprägung aber stärker ist, werden diese Tiere eher nicht jagdlich oder im Sport geführt. Im Fachhandel gibt es ein Angebot an Bandagen für das Sprunggelenk, und auch orthetische Hilfsmittel sind hier erhältlich.
Dramatische Überstreckungssymptome zeigen sich oftmals bei Seniorhunden. Durch eine fortschreitende Schwäche des Bindegewebes, Achsfehlstellungen und Muskelabbau prägt sich die Hypermobilität immer weiter aus. Das Gangbild verändert sich und der alte Hund leidet unter dumpfen Schmerzen, die in die Muskulatur ausstrahlen. Ein Zuviel an Körpergewicht verstärkt die Symptomatik. Hier liegt die Zielsetzung einer Therapie nicht in einer Verbesserung oder Wiederherstellung der normalen Funktion, sondern in einer Verzögerung der Zustandsverschlechterung. Neben einer konventionellen tierärztlichen Therapie kann physiotherapeutisch unterstützend gearbeitet werden. Ebenfalls ist eine begleitende Therapie mit Schüßler-Salzen (Biochemie) überlegenswert. Eine ideale Lösung stellt eine durch einen Orthopädiemechaniker maßangefertigte Orthese oder eine stabile, von einem Bandagisten hergestellte Bandage dar. Mittels dieser Maßnahmen bekommt das Gelenk von außen halt, der Hund zeigt eine Verbesserung im Gangbild und die Schmerzen gehen zurück.
In einigen Fällen hätte sich diese Hypermobilität vielleicht nicht so stark ausprägen müssen, wenn vorher unterstützend und sichernd gearbeitet worden wäre. Durch ein vorausschauendes und frühes Eingreifen des Hundehalters bei Verdacht auf eine Durchtrittigkeit können auch vorbelastete Tiere ein beschwerdefreies Leben führen.
Katrin Vosswinkel, Staatlich geprüfte Human-Physiotherapeutin, Hundephysiotherapeutin, Leiterin der 1. Deutschen Ausbildungsstätte für Hundephysiotherapie
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