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Montag, 14 November 2016 12:26

Freiheitsstrafen für Qualzüchter aus Norddeutschland

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Das Amtsgericht Neumünster hat nach sechsmonatiger Verhandlung zwei Züchter aus Norddeutschland wegen Betrugs zu einer Freiheitsstrafe von je einem Jahr und zehn Monate verurteilt.

Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

Nachgewiesen wurden dem Mann und seiner Lebensgefährtin 23 Fälle, wobei es in drei Fällen beim Versuch geblieben sein soll.

Die beiden Angeklagten betrieben seit geraumer Zeit bis 2014 eine Hundezucht unter anderem mit Labradoren. Nach mehreren Durchsuchungen der Zuchtstätten durch Polizei und Veterinäramt wurde unabhängig von dem Gerichtsverfahren ein Verbot der Hundezucht ausgesprochen.

Der Züchter war Mitglied im "Rassehundeclub" (RHC) und im "Deutschen Rassehundeclub" (DRC). Beiden Zuchtvereinen gemeinsam war, dass Röntgenbilder auf Hüftgelenksdysplasie (HD)  oder Ellenbogengelenkdysplasie (ED) nicht von unabhängigen und speziell auf dem Gebiet der Skeletterkrankungen geschulten Gutachtern bewertet wurden. In beiden Zuchtvereinen konnte jeder beliebige Tierarzt dazu Stellung nehmen. Die Richterin kritisierte: "...dass der von den Angeklagten gewählte Zuchtverband - anders als die dem VDH angehörenden Verbände - keinerlei unabhängige Begutachtung der für die Zuchtzulassung relevanten Röntgenbilder forderte, sondern die Erstellung und Auswertung der HD- und ED-Röntgenbilder durch einen beliebigen Tierarzt erlaubte und nicht einmal die Übersendung der fraglichen Bilder an den Verein verlangte". Eine externe Kontrolle habe folglich nicht stattgefunden.

Als Ergebnis der Hauptverhandlung gegen die beiden Züchter stand fest, dass mit Hunden gezüchtet wurde, denen ein Tierarzt HD- und ED-Freiheit bescheinigt hatte. Tatsächlich litten die Tiere teilweise an schwerer HD und ED. Gegen den Tierarzt läuft ein gesondertes Verfahren.

Den Welpenkäufern, die die Welpen zu Preisen zwischen 500 und 1000 Euro erwarben - wurde versichert, die Elterntiere seien frei von HD und ED. Gleichwohl mussten sich die Welpenkäufer schriftlich verpflichten, keine Forderungen zu stellen, sollten die Welpen später dennoch erkranken. In den meisten der angeklagten Fälle kam es denn auch so: Die Tiere erkrankten zum Teil schwer. Die Besitzer hatten Tierarztkosten von bis zu 5000 Euro.

Hierzu die Richterin: "Gerade weil es sich bei dem Angeklagten um einen Züchter handelte, der, so seine wiederholten Angaben im Rahmen der Hauptverhandlung, seit diversen Jahren die Hundezucht betrieb und sich entsprechendes Fachwissen angeeignet hatte, ist das Gericht davon überzeugt, dass die Angeklagten um die Erblichkeit der HD- und ED-Erkrankung wussten und auch um die deutlich strengeren Zuchtordnungen der anderen Zuchtverbände." Es stehe einem Züchter natürlich frei, sich einem Zuchtverband seiner Wahl anzuschließen. Er sei sicherlich nicht verpflichtet, einen solchen mit einer strengen Zuchtordnung zu wählen. "Gleichzeitig muss einem verantwortungsvollen Züchter aber klar sein, dass er bei einem Zuchtverband, der - wie der von den Angeklagten gewählte RHC - keine externe Beurteilung der für die Zuchtzulassung erforderlichen HD-/ED-Aufnahmen durch anerkannte Gutachter vorschreibt, deutlich eher in der Verantwortung steht, bei mitgeteilten Erkrankungen der gezüchteten Welpen tätig zu werden."

Aber die Angeklagten wurden nicht tätig. "Stattdessen verwandten sie nunmehr lediglich ganz regelmäßig den Zusatzbogen zum Kaufvertrag, in dem vermerkt ist, dass "fast ausschließlich" HD- und ED-freie Hunde in der Zucht eingesetzt werden. In der Urteilsbegründung heißt es wörtlich: "Dieses Verhalten belegt zur Überzeugung des Gerichts, dass die Angeklagten die ihnen erteilten Hinweise der Käufer auf Erkrankungen der Welpen sehr wohl zur Kenntnis nahmen und den naheliegenden Schluss auf eine genetische Veranlagung eines Zuchtrüden für das Auftreten von HD zogen, diesen trotzdem weiterhin ohne jede Überprüfung oder jedenfalls Rückfrage zur Zucht einsetzten."

Sämtliche gehörten Zeugen, die den Angeklagten von den Erkrankungen der Welpen berichtetet hatten, gaben an, dass die Angeklagten abwehrend und unwisch reagiert hätten. In keinem Fall seien sie interessiert gewesen, sich der Sache anzunehmen. Die Angeklagten handelten nach Überzeugung des Gerichts nach dem Motto: "Dass nicht sein kann, was nicht sein darf."

Offenbar, um die Elternschaft einer kranken Hündin zu verschleiern, wurde in mehreren Fällen eine andere Hündin als Mutter der Welpen angegeben. Das Gericht befand. "Dass einem verantwortungsvollen Züchter eine Verwechslung bei der Feststellung der Mutter eines Wurfs unterläuft, hält das Gericht für ausgeschlossen. Hier haben die Angeklagten vielmehr bewusst dem Zuchtverein gegenüber falsche Angaben gemacht, um so eine (vermeintliche) Inzucht zu verschleiern. Das zeugt von einer nicht unerheblichen kriminellen Energie und widerlegt die von den Angeklagten während des gesamten Verfahrens zur Schau gestellte Darstellung einer stets alle Vorschriften und Grundsätze einer verantwortungsvollen Hundezucht einhaltenden Handlungsweise.

Die Angeklagten gingen zur festen Überzeugung des Gerichts davon aus, dass die jeweiligen Käufer die Kaufverträge über die Welpen zu dem vereinbarten Preis nicht abgeschlossen hätten, wenn sie von der Erkrankung der Elterntiere erfahren hätten. Auch war den Angeklagten als Züchter bekannt, so das Gericht, dass durch die Verpaarung erkrankter Elterntiere ein gegenüber in der Rasse der Labradore liegendes Basisrisiko (11,6 Prozent) signifikant erhöhtes Risiko für eine Erkrankung bestehe.

Die Freiheitsstrafen wurden zur Bewährung ausgesetzt, weil die Angeklagten nicht vorbestraft sind und weil das zuständige Veterinäramt eine Wiederholung durch ein Zuchtverbot unwahrscheinlich gemacht habe.

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Tobias Paulsen

Tobias Paulsen hat den Beruf des Redakteurs ab den 70er Jahren in Frankfurt von der Pike auf gelernt. Journalistisch wirkte er zunächst im Lokalen und wechselte später an die Frankfurter Gerichte. Als er in den 90er Jahren Interesse für Wald und Wild entwickelte, war die Ausbildung zum ersten Jagdschein fast schon ein Muss. Anschließend arbeitete er einige Jahre für mehrere Jagdzeitungen und spezialisierte sich dann noch einmal auf den Bereich Jagdhund. Selbst führte er Teckel, einen Kleinen Münsterländer und aktuell einen Deutsch-Drahthaar. Hund & Jagd gründete er 2004.

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