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Montag, 19 Februar 2018 13:21

DD-Zwinger Kuhl´s: 30 Jahre Qualzucht?

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Stolz berichtet der Inhaber des Deutsch-Drahthaar-Zwingers Kuhl´s, dass er seit 40 Jahren Drahthaar-Hunde züchte. Er sei vom Verein Deutsch-Drahthaar mehrfach geehrt worden. Doch das war nicht die Frage an ihn. Gefragt wurde, was es mit der Sicherstellung von Hunden auf seinem Grundstück auf sich habe. Und dann legt der 75-Jährige los: Er werde von Amtsveterinären verfolgt. Der Verwaltungsleiter sei ein Jagdfeind. Und überhaupt, es seien alles Lügen, die über ihn verbreitet würden. Zu diesem Zeitpunkt ist noch kein Wort über irgendeinen Vorwurf gefallen...
Als ganz vorsichtig gefragt wird, wie denn die Zustände in seiner Zwingeranlage seien, wiegelt er ab: Alles bestens.

Alles bestens? Der Nordhesse aus Grebenstein ist 2017 vom Amtsgericht Kassel zu 180 Tagessätzen zu je 25 Euro verurteilt worden. Der Tatvorwurf: Er soll eine etwa eineinhalb Jahre alte Kurzhaar-Hündin aus dem Zwinger Entenpfuhler Forst zu Tode gequält haben. Die Hündin habe lange Zeit kein Wasser und keine Nahrung erhalten, habe unter massivem Ektroparasitenbefall gelitten und sei schließlich an Herz-und Kreislaufversagen eingegangen. Zu keinem Zeitpunkt des Martyriums habe er einen Tierarzt hinzugezogen.
Die 180 Tagessätze sind der Kasseler Staatsanwaltschaft zu wenig. Sie ging in die Berufung, weil sie für den Züchter eine Haftstrafe erwartet. Auch der Züchter ging übrigens in die Berufung.
Der Tod der Hündin ist allerdings nur die Spitze eines widerlichen Eisbergs. Seit 1988 füllt der Grebensteiner Aktenordner um Aktenordner bei den Behörden. Vier sind es mittlerweile alleine im Veterinäramt. Hinzu kommen die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft. Hier geht es unter anderem um Urkundenfälschung.
Es waren immer wieder dieselben Vorwürfe, die amtliche Kontrolleure erhoben: Häufig waren die Hunde nicht mit Wasser versorgt oder die Zwingeranlage bot Verletzungsgefahr. Regelmäßig fanden die Kontrolleure große Mengen gewürzter Küchenreste eines griechischen Restaurants in der Zwingeranlage.
Kaum eine Kontrolle endete ohne Beanstandungen – seit 1988. Immer wieder wurden Hunde vorgefunden, deren Eigentümer nicht zu ermitteln waren. Ahnentafeln waren offensichtlich verfälscht.
Den Veterinäramtsmitarbeitern platzte irgendwann der Kragen. Zunächst wurden Zwangsgelder verfügt, die der Züchter nicht bezahlte. Dann wurde verfügt, er müsse Buch über die Hunde führen, die er in seiner Haltung oder in der Betreuung hielt. Daran hat er sich nicht gehalten. Schließlich wurde verfügt, er dürfe nur einen Hund halten, in der Jagdzeit vier. Damit wurde 2016 faktisch ein Zuchtverbot ausgesprochen.
Im Mai 2017 kontrollierten die Mitarbeiter des Veterinäramtes erneut das Anwesen in Grebenstein. Der Züchter selbst war nicht anwesend. In der Zwingeranlage entdeckten die Kontrolleure einen acht bis zehn Tage alten Wurf Drahthaar-Hunde samt Mutterhündin – und wieder ohne Wasserversorgung. Die Kontrolleure reagierten sofort. Sie sahen dringenden Handlungsbedarf und stellten die neun Welpen und die Hündin sicher. Die Welpen wurden, nachdem sie das entsprechende Alter erreicht hatten, für 400 Euro verkauft. Den Welpenkäufern wurde mitgeteilt, dass die Hunde ausschließlich ohne Papiere veräußert werden, um Rückführungen zum Züchter zu erschweren.
Im September folgte der nächste amtliche Einschlag bei dem DD-Züchter. Der Züchter durfte zu diesem Zeitpunkt vier Hunde halten oder betreuen. Als die Kontrolleure kamen, fanden sie 14 Hunde vor. Auch diesmal gab es wieder große Probleme, die Hunde ihren Besitzern zuzuordnen. Bei sechs Hunden war dies unmöglich, sie wurden sichergestellt.
Bei dieser Gelegenheit platzte dann die nächste Bombe. Die Kontrolleure suchten den Züchter am 11. September vormittags auf und trafen ihn auch an. Im Auto hatte er in zwei Boxen vier Hunde, zwei Drahthaar- und zwei Kurzhaar-Hunde. Angeblich will er auf dem Weg zu einer Maisjagd gewesen sein, wie er gegenüber Hund & Jagd angab.
Am 10. und 11. September, einem Sonntag und einem Montag, fand allerdings eine VGP bei Kassel statt, für die der Züchter im Namen des DK-Klubs Kurhessen Nennbüro war und wo er auch zwei Drahthaar-Hunde geführt haben will. Die Ahnentafeln, die am 12. September sichergestellt wurden, zeigen lediglich den Stempel des DK-Klubs und benennen die Prüfung, sind aber nicht unterschrieben.
Die Recherchen von Hund & Jagd ergaben, dass der DD-Züchter an diesem Tag ein besonders eiliger Hundeführer gewesen sein muss, um um 11 Uhr an seinem Haus zu sein, wo seine Hunde sichergestellt wurden. Laut eigener Aussage gegenüber Hund & Jagd hatte er am Morgen die Waldfächer und Schweiß bei der VGP im Raum Kassel geführt. Dorthin benötigt er mindestens eine halbe Stunde im Auto. Um 9 oder 9.30 Uhr war er, so sagte es ein Zeuge aus, im 120 Kilometer entfernten Wildeck, um die beiden Kurzhaar-Hunde abzuholen. Diese Strecke ist er dann auch noch einmal zurückgefahren nach Grebenstein, wo ihn ja die Kontrolleure mit den Deutsch-Kurzhaar-Hunden antrafen.
Ein Hundeführer, der ebenfalls die merkwürdige VGP führte, erinnert sich, dass man sich an jenem Morgen gegen 7 Uhr an einer Waldhütte getroffen habe. Um 7.30 Uhr – an diesem Tag ging bei Hofgeismar die Sonne um 6.53 Uhr auf - sei der Züchter mit den Verbandsrichtern aus dem Wald aufgetaucht, habe mitgeteilt, er habe es eilig. Der Züchter berichtete, er habe die Waldfächer mit seinen beiden Hunden bereits geführt, alles sei bestens gelaufen. Seine beiden Hunde bestanden die VGP beide im 1. Preis mit einer Punktzahl jenseits der 340.
Der von Hund & Jagd befragte Hundeführer erzählte, nach dem Verschwinden des Züchters, über das man sich sehr gewundert habe, sei die VGP fortgesetzt worden, da noch zwei weitere Hunde zu prüfen waren. Diese beiden Hunde benötigten dann für die Waldfächer mehrere Stunden.
Die Zensurentafeln tragen die Unterschriften der Verbandsrichter Klaus Kraft aus Bad Wildungen, Klaus Velten aus Netphen und Klaus Waldschmitt aus Wega.
Hund & Jagd muss sich nicht sonderlich aus dem Fenster lehnen, um zu behaupten, dass diese Verbandsgebrauchsprüfung erheblich manipuliert wurde. Wenn das aber so ist, wie sind die ebenfalls hervorragenden Prüfungsergebnisse der Kuhl´s-Hunde aus der Vergangenheit zu werten? Viele tragen den Stempel des DK-Klubs Kurhessen.
Der Hauptzuchtwart des Deutsch-Kurzhaar-Verbandes und Vorsitzende des Klubs Kurhessen, Gerd Schad, hat dem DD-Züchter mittlerweile untersagt, noch einmal den DK-Stempel zu verwenden. Er fuhr sogar selbst nach Grebenstein, um den Stempel sicherzustellen. Aber weshalb überlässt man so jemandem blanko einen Zuchtvereinsstempel?

Interessant ist auch das Geflecht aus Täuschung und Lügen, das sich der Züchter im Verein Deutsch-Drahthaar geschaffen hat. Kuhl´s Zwinger war in den letzten 40 Jahren in einigen VDD-Gruppen beheimatet und nun wirklich nicht überall gern gesehen. In der VDD-Gruppe Bremen wurde er offenbar mit offenen Armen aufgenommen.
Als 2017 zwei der Käufer der sichergestellten und dann verkauften Welpen Ahnentafeln erhalten wollten, heckte der nordhessische Züchter zusammen mit dem Zuchtwart der VDD-Gruppe Bremen, Horst Wiegmann, die nächste Besonderheit aus. Gegenüber Hund & Jagd bestätigte der Züchter, er habe mit dem Zuchtwart Wiegmann vereinbart, dass die Welpenkäufer Papiere erhielten, wenn diese einen DNA-Nachweis erbrächten und noch einmal 400 Euro an ihn zahlten. Ein Welpenkäufer rief den Bremer Zuchtwart an und bekam diese merkwürdige Vereinbarung bestätigt. Dies wiederum liegt Hund & Jagd schriftlich vor.
Als Hund & Jagd dann den willigen Zuchtwart offiziell zu diesem Vorgang anfragte, drehte sich Wiegmann im Kreise. Auf keinen Fall werde er Papiere ausstellen. Man müsse die laufenden Gerichtsprozesse abwarten. Und überhaupt, die grundsätzliche Entscheidung fälle der geschäftsführende Vorstand des VDD. Lug und Trug auch an der Nordseeküste.

Bei den Eigentumsermittlungen sind den Kontrolleuren immer wieder gefälschte oder verfälschte Ahnentafeln und andere Dokumente in die Hände gefallen. Eines ist besonders merkwürdig. Der Züchter war mit vier Hunden (von denen zwei anschließend als zuchtuntauglich erkannt wurden) in die Tierarztpraxis des VDD-Gutachters Dr. Peter Schunk nach Bayern gefahren. Dort ließ er seine Hunde röntgen. Nach den Ahnentafeln gehörten zu diesem Zeitpunkt alle Hunde dem Züchter. In der Praxis waren die Auswertungsbögen bereits zuvor ausgefüllt worden. Alle lauteten auf den Namen des Züchters. Jetzt begann das große Durcheinander. Zumindest einer der Hunde habe, so der Züchter in der Tierarztpraxis, mittlerweile einen neuen Eigentümer. Also wurden die Daten mit Tippex gelöscht und andere Namen eingefügt. Allerdings hatte der Züchter auf den Bögen auch als Eigentümer unterschrieben. Und auch diese Unterschrift wurde mit Tippex gelöscht. Erst danach will der VDD-Gutachter die Gutachten unterschrieben haben. So erklärt es der Gutachter an Eides Statt, so erklärt es auch die VDD-Führung. Aber kann es wirklich sein, dass eine wichtige Urkunde so massiv manipuliert die Praxis eines Gutachters verlässt? Wenn hier keine anderen Motive vorhanden sind, wurde in der Tierarztpraxis zumindest massiv geschlampt. VDD-Gutachter Dr. Peter Schunk äußert sich dazu nur über den VDD-Vorstand.

Der Fall Kuhl´s wirft Fragen auf: Wenn dem Veterinäramt seit 1988 massive Tierschutzvergehen in der Zwingeranlage von Kuhl´s aufgefallen sind, was haben in diesen 30 Jahren die Zuchtwarte der jeweiligen VDD-Gruppen gesehen, wenn sie die zwei bis drei Würfe pro Jahr abgenommen haben? Und die grundsätzliche Frage, die sich nun vielen Drahthaar-Besitzern stellen wird: Ist das in meinem Kuhl´s-Hund, was in den Papieren steht? In den vielen Fällen dürften Zweifel angebracht sein.

Das üble Treiben des nordhessischen Züchters – als Hundezüchter, Abrichter, Hundeführer auf Prüfungen und JGHV-Verbandsrichter – dürfte in Kürze der Vergangenheit angehören. Der Jagdschein des Mannes läuft Ende März ab. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Jagdschein noch einmal verlängert wird. Dann kann das Hundewesen aufatmen. Vielleicht. Seine Ehefrau hat den DD-Zwinger „vom Reinhardswald“ angemeldet. Und vielleicht geht ja da noch etwas.

Die Führung des Vereins Deutsch-Drahthaar hat dem Kasseler Veterinäramt vollständige Zusammenarbeit angeboten und sofort angeforderte Unterlagen zur Verfügung gestellt. Der Züchter erhielt mittlerweile ein Schreiben des VDD-Vorstands, sich zu den massiven Vorwürfen zu erklären. Dezent wurde er auf die Konsequenzen hingewiesen, die VDD-Mitgliedern drohen, wenn dem Verein oder der Rasse Schaden zugefügt wird. Dass dies bereits geschehen ist, dürfte außer Frage stehen. Tobias Paulsen

Kommentar

Die „kontrollierte Zucht“ des VDH hat versagt

„Über 250 verschiedene Hunderassen werden in den Zuchtvereinen des Verbandes für das deutsche Hundewesen (VDH) betreut und unter strengsten Kontrollen gezüchtet.“ Wer diese Aussage auf der Homepage des VDH liest und mit den Vorgängen in Nordhessen vergleicht, kommt aus dem Kopfschütteln nicht heraus. 30 Jahre lang wurden dort mal mehr, mal weniger Tiere gequält, immer wieder bemängelt von Veterinären des Landkreises.
Von Kontrolle oder gar „strengster Kontrolle“ des Dachverbandes der deutschen Hundezucht war in diesen 30 Jahren nichts zu bemerken.
Aber auch der Verein Deutsch-Drahthaar hat sich in diesem besonders krassen Fall nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die verantwortlichen Zuchtwarte der VDD-Gruppen Porta Westfalica (Wolfgang Gerling) und Bremen (Horst Wiegmann) waren regelmäßig in Kuhl´s Zwinger zu Gast und nahmen zwei- bis drei Mal pro Jahr dort Würfe ab. Waren sie nur blind für die Missstände dort?
Der VDH kassiert von seinen Mitgliedsvereinen viel Geld. Die Mitgliedsvereine kassieren von ihren Züchtern viel Geld. Ist das eine Begründung für die fehlenden oder nicht konsequenten Kontrollen?
Als Verbandsrichter zählte der beschuldigte Züchter zur Elite des Jagdgebrauchshundverbandes (JGHV). So nennt JGHV-Prüfungsobmann Josef Westermann die Verbandsrichter. Wenn ein solcher Manipulator von Prüfungen zur Elite zählt, wie sieht es dann im personellen Keller des Verbandes aus? Gruselig, die Vorstellung!
Die Zustände bei Kuhl´s sind kein Einzelfall! Sie erinnern an Zustände in den Kurzhaar-Zwingern Entenpfuhler Forst und Schnepfenstrich. Auch hier hatten die Kontrollmechanismen der Verbände lange versagt. Tob
Vielleicht denken die Mitglieder der Führungsgremien in den Verbänden einmal darüber nach – bevor der nächste Zuchtstättenskandal publik wird. tob
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Tobias Paulsen

Tobias Paulsen hat den Beruf des Redakteurs ab den 70er Jahren in Frankfurt von der Pike auf gelernt. Journalistisch wirkte er zunächst im Lokalen und wechselte später an die Frankfurter Gerichte. Als er in den 90er Jahren Interesse für Wald und Wild entwickelte, war die Ausbildung zum ersten Jagdschein fast schon ein Muss. Anschließend arbeitete er einige Jahre für mehrere Jagdzeitungen und spezialisierte sich dann noch einmal auf den Bereich Jagdhund. Selbst führte er Teckel, einen Kleinen Münsterländer und aktuell einen Deutsch-Drahthaar. Hund & Jagd gründete er 2004.

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