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Freitag, 22 Juni 2018 10:39

Interview mit Karl Walch: "Wir reißen nichts mit der Abrissbirne ein"

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Hund & Jagd: Im Jagdgebrauchshundverband fragen sich viele, ob Sie als neuer Präsident einen renovierungsbedürftigen Altbau oder eine Ruine übernommen haben, auf deren Fundamente komplett neu aufgebaut werden muss? Wie sehen Sie das?

Karl Walch: Ich buche diese Frage mal unter der Rubrik „Provokation“ ab. Der JGHV ist weder Altbau noch Ruine, sondern eine lebhafte, manchmal etwas groteske Mischung unterschiedlichster Menschen, die sich der Jagd mit Hunden verschrieben haben. Das Präsidium und die Mitgliedsvereine müssen, jeder an seiner Stelle, daran arbeiten, dass wir zukunftsfähig sind. Dazu muss man nicht per se grundsätzlich alles Alte (Bausubstanz) in Frage stellen, aber stets den Finger am Puls des Geschehens haben, um bei Fehlentwicklungen gezielt gegensteuern zu können. Wir reißen nichts mit der Abrissbirne ein und wundern uns dann als neues Präsidium, wenn kein Stein mehr auf dem anderen steht. Es gilt in erster Linie das eigentliche Kapital dieses Verbandes, seine Menschen, zu pflegen und zu schätzen. Dazu müssen wir als „Neue“ erst mal sondieren und herausfinden, wie wir vorwärts kommen. Ich halte nichts von Führungspersonen, die zwanghaft Dinge umstrukturieren, ohne wirklich zu wissen, wo der Hund begraben ist.

Hund & Jagd: Sie sind bekannt als exzellenter Fachmann in kynologischen Fragen und haben ja auch schon zur Lösung einiger Probleme im JGHV maßgeblich beigetragen. So, wie ich Sie bislang erlebt habe, dürften Sie bereits eine Strategie entwickelt haben, die drängendsten Probleme anzugehen. Wollen Sie uns Ihre Strategie erklären?
Karl Walch: Wie ich Ihnen bereits erläutert habe, bin ich kein Freund von zwanghaftem Aktionismus. Das neue Präsidium muss zuerst den Ist-Zustand erfassen und analysieren. Erst wenn wir dies erledigt und die eine oder andere „Leiche“ würdevoll beigesetzt haben, werden wir Schritt für Schritt die Inhalte unserer bereits definierten Themenfelder abarbeiten. Wir müssen kurz-, mittel und langfristige Ziele definieren und personelle Zuständigkeiten abklären. Alles muss machbar sein. Ziele können durchaus anspruchsvoll sein, aber nicht irreal. Probleme haben stets eine oder mehrere Ursachen. Man muss kein Stratege sein, um zu wissen, dass man die Ursachen abstellen muss. Leider ist das nicht immer ganz so einfach, aber im Team ist vieles möglich.

Hund & Jagd: Die Zweckbestimmung des Verbandes ist, Hunde zur Jagd zu züchten, auszubilden, zu prüfen und der Jagd zur Verfügung zu stellen. Wie dicht ist der JGHV an dieser Zweckbestimmung?
Karl Walch: Die Mitgliedsvereine des JGHV züchten und prüfen seit mehr als 100 Jahren erfolgreich Jagdgebrauchshunde. Wir müssen uns in der Zukunft verstärkt der Ausbildung unserer Hundeführer widmen. Es nützt der Jagd und damit der Zweckbestimmung des JGHV nicht, wenn wir gutes Hundematerial in der Hand kynologischer Analphabeten haben. Wer seinen Hund nicht ordentlich ausbildet, ist eine Belastung für den Jagdbetrieb und kann unseren Auftrag tierschutzkonformer Jagd nicht umsetzen. Dies ist Teil unserer Zweckbestimmung. Daran müssen wir intensiv arbeiten.
Hund & Jagd: Der JGHV ist der Fachverband der Jagdkynologie in Deutschland und muss sich an Fachfragen orientieren. Würden Sie die Vorschläge von Christoph Frucht und Hans Wunderlich zur Bildung einer Fortbildungsakademie auf Ihre Agenda setzen?
Karl Walch: Die Idee ist prinzipiell ausgezeichnet, fordert aber einen hohen finanziellen und personellen Einsatz. Wir waren in der jüngeren Vergangenheit nicht ansatzweise in der Lage, entsprechende Seminare anzubieten, und Veranstaltungen, bei denen der Einäugige den Blinden führt, sind nicht mein Ding. Das Thema Fortbildung ist eines der wichtigsten Ziele der Zukunft. Wir werden 2019 mit neuem Schwung dieses Feld beackern, Erfahrungen sammeln und schauen, was möglich ist. Das ist dann keine „Akademie“, aber ich bin schon ganz froh, wenn wir durchgängig vernünftige Qualität anbieten können.
Hund & Jagd: Nach Meinung vieler Hundeführer hat sich der JGHV in den letzten Jahren von der Lösung von Fachfragen weit entfernt. Das hat wohl auch dazu geführt, dass die Exklusivität von „JGHV-Hunden“ rückläufig ist. Viele Hundeführer legen mit ihrem Hund nur noch eine Brauchbarkeitsprüfung ab oder legen sich Hunde ohne JGHV-Abstammungsnachweis zu. Wollen Sie dem entgegenwirken?
Karl Walch: Ich weiß ja nicht, bei welchen Hundeführern Sie Meinungen einholen, aber unsere in Deutschland gezüchteten Jagdhunderassen erfreuen sich nach meiner Beobachtung großer Wertschätzung und Beliebtheit. Ein Auf und Ab bei den unterschiedlichen Rassen und Verschiebungen von einer Rasse hin zur anderen hat es immer gegeben. Wer als Jäger einen Hund ohne Papiere führt, kann ebenso gut eine Waffe ohne amtlichen Beschuss führen. Beides ist dumm und verantwortungslos. Wenn ein Hund keine Papiere hat, hat das einen Grund. Unsere Zuchtverbände mühen sich in Deutschland seit vielen Jahrzehnten, der Jägerschaft ordentliches Hundematerial zur Verfügung zu stellen. Welcher Schwarzzüchter kann das von sich behaupten? Beim Thema Brauchbarkeitsprüfung kann ich Ihnen nicht recht geben, oder wie wollen Sie sich die Zunahme der Eintragungszahlen in das DGStB erklären? Wir als JGHV können zudem niemanden abhalten, seinen Hund nur auf einer Brauchbarkeitsprüfung zu führen.

Das ausführliche Interview mit Karl Walch lesen Sie in der neuen Printausgabe von Hund & Jagd, die am 2. August erscheint. Das Interview führte Tobias Paulsen
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Tobias Paulsen

Tobias Paulsen hat den Beruf des Redakteurs ab den 70er Jahren in Frankfurt von der Pike auf gelernt. Journalistisch wirkte er zunächst im Lokalen und wechselte später an die Frankfurter Gerichte. Als er in den 90er Jahren Interesse für Wald und Wild entwickelte, war die Ausbildung zum ersten Jagdschein fast schon ein Muss. Anschließend arbeitete er einige Jahre für mehrere Jagdzeitungen und spezialisierte sich dann noch einmal auf den Bereich Jagdhund. Selbst führte er Teckel, einen Kleinen Münsterländer und aktuell einen Deutsch-Drahthaar. Hund & Jagd gründete er 2004.

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